Meine "Slow Photography"... 

 Dieses Essay beschreibt meine Art der Fotografie, die eng mit meiner Philosophie des "Slow Travellings" verknüpft ist. Diese Herangehensweise prägt sowohl meine Reisen als auch meine fotografischen Arbeiten.



Meine ersten Berührungspunkte mit „Slow Travelling"
 
 Meine ersten Berührungspunkte mit dem Konzept des „Slow Travelling“ gehen auf Dan Kierans inspirierendes Buch „Slow Travel“ zurück. Darin schildert er unter anderem eine Reise durch England in einem alten Elektro-Milchwagen aus den 1940er-Jahren, der kaum mehr als 25 km/h erreicht. Da die Batterien nur mit Starkstrom geladen werden konnten, wurde jeder Abend zu einer Suche nach Gastfreundschaft und einer freien Steckdose.


Der Mehrwert des „langsamen Reisens"

 Für mich liegt der wahre Wert des langsamen Reisens darin, nicht bloß Sehenswürdigkeiten abzuhaken, sondern tief in eine Gegend einzutauchen und sie im eigenen Rhythmus zu erfahren. Michael Schottenberg schrieb in einem Artikel am 07.12.2024 für die Onlineausgabe der österreichischen Zeitung „Der Standard“ einmal über das „langsame Reisen“: „Erst das langsame Reisen hat mich zum Reisenden gemacht. Erfahrung bringt Genauigkeit, Genauigkeit Erkenntnis, Erkenntnis Wissen und Wissen  Erfahrung. Seither betrachte ich die Welt anders. Wie oft überlasse ich mich dem Zufall…“.  


 Wer schnell reist, viele Orte in kurzer Zeit abhakt, sieht viel, aber betrachtet nichts genauer. Erst durch das „Langsame“ nehmen wir Details wahr. Wahres Wissen über die Welt um uns entsteht für mich nicht durch Reiseführer. Ein Reiseführer nimmt einen ja gerne an die Hand und unterbindet damit oftmals die eigene Initiative für Entdeckungen. Die eigene Beobachtungsgabe schärft den Blick für kommende Touren; so sammeln sich mit der Zeit wertvolle Erfahrungen.


 Slow Travelling ist eine Inspirationsquelle. Es geht darum, bewusst in Unbekanntes einzutauchen, sich aktiv mit der Umgebung auseinanderzusetzen, auch wenn sie nicht weit entfernt liegt, und möglichst lange an Orten zu verweilen, die einem gefallen. Manchmal mache ich damit wertvolle ungeplante Entdeckungen, mit denen ich im Vorfeld nie gerechnet hätte. Zufälle können Lehrmeister sein. Wer keinen festen Plan hat, ist offen für Begegnungen, die nicht im Reiseführer stehen. Das „Sich-Verlieren“ wird zur Methode, um die Welt authentisch und ungeschminkt zu erleben. Sich einfach mal treiben lassen, den Moment genießen und gegebenenfalls auch Zeit für Reflexion zur Verfügung zu haben.
 
 Slow Travelling passt zusätzlich besonders gut in unsere Zeit, in der Klimabewusstsein und Nachhaltigkeit immer wichtiger werden (müssen). Reisen mit geringem CO2-Verbrauch ermöglicht es, die Umwelt zu schonen und gleichzeitig ein tieferes Verständnis für die bereisten Orte zu entwickeln.
 
 
 Als „Umgebungsreisender" flanieren
 
 Wenn ich als Slow Traveller mit der Kamera in meiner näheren Umgebung flaniere, ist es ein scheinbar zielloses Umherbummeln. Das verbindet mich mit einem Flaneur, der im 19. Jahrhundert in äußerst gemächlichem Tempo durch die Passagen und Straßen von Paris unterwegs war. Natürlich bietet sich das grundsätzlich in einer Stadt an, aber warum nicht auch einmal diese Ziellosigkeit auf eine ländliche Umgebung, auf einen Randbezirk oder vielleicht nur auf einen Park übertragen?
 
 Nicht weit weg von zu Hause bin ich schon manchmal in eine Gegend eingetaucht, die ich ob des täglichen und raschen Durchfahrens vernachlässigt habe. Wenn man der Pandemie, die uns vor wenigen Jahren sehr belastet hat, etwas Positives abgewinnen möchte, dann ist es die Tatsache, dass sie uns die Möglichkeit aufgezeigt hat, direkt vor der Haustür zu reisen. Gar nicht weit weg lässt sich manchmal eine Welt entdecken, die man nicht immer vermutet. Oft sind es Details in der näheren Umgebung, die bei einem Spaziergang mit offenen Augen für Neues zum Vorschein kommen.


 Ein Fotograf, ein Visionär in der Fotografie, war Saul Leiter. „Die Welt ist voll von vielen Dingen. Und es gibt viele schöne Dinge. Und die Menschen haben das Talent, sie nicht zu bemerken“, sagte er einst in einem Interview; ein Künstler, der seine Motive über viele Jahrzehnte in der unmittelbaren Umgebung seiner New Yorker Wohnung gefunden hat. Auch wenn New York in unseren Augen viele fotografische Möglichkeiten bietet, die wir in unserer näheren Umgebung vielleicht nicht haben, bringt mich diese Aussage zum Nachdenken: Auch wir haben, davon bin ich überzeugt, eine Vielfalt an Chancen in unserem Umfeld, besondere Fotos zu machen. Wir müssen sie nur erkennen.


 
 Konzentration auf den Augenblick

 „Durch den Sucher der Kamera... konzentrieren wir uns auf das, was vor unserer Kamera ist. Wir sind dazu aufgefordert stehen zu bleiben, ruhig zu werden und uns ganz auf das einzulassen, was wir sehen. Dadurch, dass unsere Aufmerksamkeit ganz auf den Augenblick gerichtet ist, steht die Welt einen Moment lang still" (Nadine Wilmanns). 
 
 Diesen Aussagen, die die Fotografin Nadine Wilmanns in einem Artikel „Halte die Zeit" auf ihrer Website einmal geschrieben hat, schließe ich mich in vollem Umfang an. Auch ich versuche immer wieder, mich ganz auf das zu konzentrieren, was ich vor mir sehe, und den Augenblick bewusst wahrzunehmen. Mich ganz auf das einzulassen, was sich vor mir zeigt und im Sucher erscheint, hilft mir, Motive zu entdecken, an denen ich sonst vielleicht vorbeigegangen wäre. Beim Fotografieren ist die Welt so für mich schon oft für einen Moment lang still gestanden, weil ich etwas gefunden habe, mit dem ich nicht gerechnet habe. Zahlreiche Fotos sind so bei Spaziergängen entstanden, wo Motive plötzlich und ungeplant gekommen sind. Ich war zur richtigen Zeit mit hoher Aufmerksamkeit am richtigen Ort und konnte mich auf das einlassen, was ich sah. Die Achtsamkeitsregel, im „Hier und Jetzt" zu sein, hilft dabei sehr. 



Präsenz versus Achtsamkeit


 Achtsamkeit ist in Verbindung mit Slow Photography eng verknüpft, dennoch ist mir in meiner Fotografie der Begriff „Präsenz“ näher. Obwohl beide Begriffe oft synonym verwendet werden, bezeichnen sie grundlegend verschiedene Phänomene: Während Achtsamkeit eine Praxis ist, die die Aufmerksamkeit auf den Moment lenkt, oft verbunden mit Techniken und aktiver Anstrengung, beschreibt Präsenz für mich einen Zustand des Bewusstseins.


 Achtsamkeit ist das Werkzeug, um die Aufmerksamkeit zurückzuholen, wenn sie abdriftet. Präsenz hingegen ist kein Prozess, hinter dem keine Technik steht, sondern das Verweilen im Jetzt, ohne Bewertung und Ablenkung. Sie ist nicht das Ergebnis von Anstrengung, sondern von Loslassen. In diesem Sinne ist Achtsamkeit der Weg, Präsenz das Ziel.



 „Versommern", „Hygge", „Niksen" und „Lagom"

 Die österreichische Autorin Valerie Fritsch hat in einem Essay für die steirische „Kleine Zeitung" einmal mit dem wunderbaren Begriff „Versommern", eine ganzjährige Sehnsucht nach dem Sommer, das einfache Glück der Fülle und Überfülle, des Schönen in dieser Jahreszeit, beschrieben. Die Nordeuropäer, die mit ihren Lebensstilkonzepten Begriffe wie „Hygge” oder „Lagom” auch in unsere Breiten brachten, kennen auch den Begriff „Niksen”, in dessen Zentrum das „Nichtstun” steht. Zum Beispiel genieße ich es immer wieder, mich während einer Tour einfach bewusst in der Umgebung umzusehen, statt Grübeleien nachzuhängen. Nach Möglichkeit versuche ich, bevor ich die Kamera auspacke, einen neuen Ort einmal auf mich wirken zu lassen. Ich beobachte, wie sich das Licht verhält, wie die Menschen gegebenenfalls agieren und welche Details es zu entdecken gibt. 


 Diese dänischen (Hygge), schwedischen (Lagom) bzw. niederländischen Lebensphilosophien (Niksen) passen gut zur Slow Photography. Nicht das technisch perfekte Foto, sondern das Gefühl steht im Vordergrund. Es geht darum, die Stimmung mit dem Foto zu transportieren und die Freude am Auslösen zu bewahren, statt sich nur darauf zu konzentrieren, ein technisch perfektes Foto zu produzieren. Die Begriffe tragen eine gewisse Genügsamkeit in sich, die sich zum Beispiel mit einer Limitierung bei der Ausrüstung im Rahmen einer Fototour umsetzen lassen. Es bietet sich aber auch an, einen gewissen „Analog-Spirit“ auf die digitale Fotografie zu übertragen: Nicht immer müssen unzählige Fotos vom desselben Motiv auf der Speicherkarte landen. 



 Bereiche der Slow-Bewegung

 Die „Wiederentdeckung der Langsamkeit“ ist in den letzten Jahren zu einem Trend in vielen Lebensbereichen geworden. Neben „Slow Travelling“ denke ich da auch an  „Slow Food“, einem aufmerksamen und genussvollen Essen, bei dem regionale Herkunft und gute Qualität einen hohen Stellenwert haben. „Slow Food“, das vielleicht bekannteste Thema der Slow-Bewegung entstand als Konzept 1986, als an der berühmten Spanischen Treppe in Rom ein Fastfoodrestaurant eröffnet werden sollte. Aus Sorge, dass die regionale Esskultur verschwinden könnte, kam es dort zu einem öffentlichen Spaghetti-Essen und landesweit zu Demonstrationen zur Wahrung des Rechts auf Genuss. Drei Jahre später folgte die offizielle Gründung der internationalen Bewegung „Slow Food".
 
 1999 wurde die Cittaslow-Bewegung gegründet, die auf das Slow Food-Konzept zurückgeht. Diese internationale Vereinigung von Städten setzt sich unter anderem für Aufmerksamkeit, Ruhe, nachhaltigen Fortschritt und Verantwortung ein. Es geht darum, die Lebensqualität zu verbessern, die Vereinheitlichung von Städten ähnlicher Größe zu verhindern und die lokalen, regionalen und kulturellen Besonderheiten hervorzuheben. Diese Ziele passen meines Erachtens gut in die heutige Zeit, in der die Nachhaltigkeit eine bedeutende Rolle einnimmt und in der viele Überlegungen angestellt werden, die Potenziale kleinerer regionaler Zentren wieder mehr zu heben.
 
 Immer stärker im Kommen ist auch der Begriff „Slow Fashion“, der für eine Verlangsamung des Konsums steht und damit die Nachhaltigkeit in den Fokus rückt. Das Kaufverhalten soll gewollter gesteuert werden, Kleidung soll einfach länger getragen werden. Die Bewegung verfolgt damit das Ziel, dass die Modeindustrie bei der Herstellung bessere Bedingungen für Mensch und Natur schafft.
 
 
 Was verstehe ich unter „Slow Photography"
 
 Meine fotografische Reise hat in meiner Jugend begonnen und lässt sich in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren in vielen Bereichen unter dem Begriff „Slow Photography“ zusammenfassen. Dieser Ausdruck wird oft mit analoger Fotografie oder Langzeitbelichtungen assoziiert, doch es ist keine Stilrichtung, sondern eine Philosophie. Es geht darum, Fotografie mit Bedacht auszuüben und gezielt zu gestalten, statt eine Flut schneller Aufnahmen zu produzieren.


 Slow Photography ist für mich eine Philosophie, die Fotografie sehr „absichtlich" zu betreiben, eine Herangehensweise an eine überlegte Gestaltung und nicht unzählige Aufnahmen in schneller Reihenfolge zu machen. 


 Die wesentlichsten Elemente, die für mich zu dieser Art des Fotografierens dazugehören, sind: 

  • „Bewusstes“ Fotografieren 
  • Beobachten
  • Bilder „machen“ und nicht „schießen“ 
  • Auslösen als Erlebnis 
  • Überlegte Bildgestaltung 
  • Offen sein 
  • Loslassen 
  • Neugierig sein


Slow Photography“ bei der Reportage- bzw. Peoplefotografie

 Die oben genannten Punkte gelten sowohl für meine Reportage als auch für meine Landschafts- und Reisefotografie. Bei der Peoplefotografie versuche ich, wenn möglich, vor Ort zu fotografieren. Den Menschen, den ich fotografieren darf, möchte ich im Kontext seines beruflichen oder privaten Umfelds zeigen. Die „bewusste" Fotografie sehe ich ausgewogen in einem Dreieck von Emotion — Authentizität — Atmosphäre. Mein „langsames" Fotografieren hat für mich persönlich den Vorteil, dass ich unauffällig agieren kann. Mein Ziel ist es, dass die Menschen, die ich zumeist bei Tätigkeiten, zum Beispiel im Rahmen einer Reportage über Ihr berufliches Tun,  fotografiere, bald gar nicht mehr merken, dass jemand mit einer Kamera da ist. Es ist mir wichtig, dass sich dies in den Aufnahmen widerspiegelt. Die Fotos sollen den jeweiligen Charakter der Personen authentisch zeigen und die Atmosphäre, die vor Ort geherrscht hat, als Erinnerung für die Beteiligten sichtbar und für Dritte spürbar machen.  



Die Rolle des Equipments bei meiner Slow Photography


 Seit 2015/2016 habe ich angefangen, mit weniger Equipment bei meinen Touren unterwegs zu sein und mir diese langsame Herangehensweise anzugewöhnen, die ich schon beschrieben habe. 2020 erwarb ich eine digitale Leica Messsucherkamera, die nur mit manuell zu fokussierenden Festbrennweiten bedient werden kann. Die Arbeitsweise mit dieser Kamera, mit der noch wirklich die Fotografin oder der Fotograf das Bild macht, weil sie überwiegend manuell zu bedienen ist, hat mich in meiner „Slow Photography“ zusätzlich bestärkt bzw. weitergebracht. Einerseits habe ich damit das Equipment, das ich für meine Reise-, Street- und teilweise auch Reportagefotografie verwende, deutlich reduziert und andererseits setze ich damit die weiter oben erwähnten Kernelemente meiner Fotografie vollständig um. 


 Aus pragmatischen Gründen setze ich bei kommerziellen Arbeiten, wenn ich auf Autofokus und Zoom nicht verzichten kann oder will, zusätzlich auf mein spiegelloses System von Sony. Aber auch hier merke ich, dass ich zunehmend weniger Equipment bei mir trage und damit flexibler, rascher und unauffälliger agiere. 


 Grundsätzlich ist „langsame Fotografie“ aber keine Frage der Ausrüstung, sondern ausschließlich des Zugangs. Nahezu jede Kamera lässt sich manuell bedienen, der Autofokus ausschalten und ein Zoom durch die Füße ersetzen. Auch eine Speicherkarte muss nicht immer voll geschrieben werden; gegebenenfalls eine Karte mit geringerer Kapazität einsetzen, damit jedes Auslösen noch gezielter erfolgt, wie es bei analogen Kameras ja ohnehin gemacht werden muss, weil ein Film in der Regel eben nur 36 Aufnahmen zulässt. 


 Probieren Sie aus, einmal nur mit einer einzigen Festbrennweite oder maximal zwei unterwegs zu sein. Ich habe schon Reisen gemacht, wo entweder nur 28mm (Leica Q3) bzw. nur 35 mm (Leica M11) oder die Kombination 28mm und 50mm (Leica Q3 und Leica M11) im Gepäck waren. Wenn ich mich ganz sicher fühlen möchte, habe ich für meine Leica M11 ein  21mm, 35mm und 75mm mit. Damit fehlt mir — für meine Art der Reisefotografie — nichts mehr. 



 „Slow Photography" bei der Reisefotografie

 Für mich ist es wichtig, ein „Gespür“ für den Ort zu bekommen, an dem ich fotografiere. Ich möchte, dass sich die Fülle meiner Sinneseindrücke, die Palette der Gerüche, die Kulisse der Geräusche und die Haptik der Oberflächen, zumindest im Ansatz in meinen Bildern widerspiegelt. Sonst verhält es sich wie mit dem Wein im Urlaub: Er schmeckt vor Ort fantastisch, doch daheim fehlt die Atmosphäre, die ihn so besonders gemacht hat. Da sich dieses Gefühl nicht einfach einpacken lässt, muss ich umso bewusster an mein Motiv herangehen.


 Im Wissen, dass ein Foto Eindrücke nur zweidimensional wiedergibt, bedeutet „Slow Photography“ für mich, den fotografischen Prozess so aufmerksam wie möglich zu gestalten. Ziel ist es, mein Empfinden vor Ort mit meinen Fotos so auszudrücken, dass die Atmosphäre auch für Dritte beim Betrachten der Bilder weitestgehend spürbar wird.



Ortsfamiliarität


 Da sich meine Reisefotografie überwiegend auf die Alpe-Adria-Region konzentriert (dazu gehören im engeren Sinn in Italien die Regionen Venetien und Friaul Julisch Venetien, Slowenien, in Kroatien die Halbinsel Istrien und in Österreich die Bundesländer Steiermark, Kärnten und Teile des Burgenlandes) besuche ich manche Gegenden bzw. Orte im Laufe der Jahre mehrmals. Einen Ort, den ich schon erkundet habe, lerne ich erst wirklich kennen, wenn ich ihn wiederholt besuche. Die Familiarität mit einem Ort ermöglicht es mir bei Folgebesuchen, mich mehr zu entspannen, tiefer einzutauchen und Perspektiven sowie Details zu entdecken, die bei einmaligen Besuchen gerne übersehen werden. 


 Ordnung im Bild

  Stephen Shore schreibt in seinem sehr lesenswerten Buch „Das Wesen der Fotografie", dass „die Fotografie in ihrem Wesen nach eine analytische Disziplin"  ist. Er vergleicht die Arbeit des Fotografen mit der eines Malers. Ein Maler beginnt mit einem leeren Blatt Papier oder einer weißen Leinwand und beginnt das Bild zu skizzieren, zu zeichnen, zu malen. Was aber macht ein Fotograf?

 Weiße Flecken, die einem als Grundlage für ein zu fotografierendes Bild dienen, lassen sich — außer im Studio — outdoor nicht finden. Als Fotograf findet man daher Szenen vor, sei es auf der Straße oder in der Landschaft, die uns die Umwelt vorgibt, in denen nach den Regeln der Komposition der richtige Bildausschnitt festzulegen ist. Es gibt viele Bücher, die sich mit Bildkomposition beschäftigen und wahrscheinlich hat jeder, der ambitioniert fotografiert, sich schon mehr oder weniger intensiv mit diesem Thema beschäftigt.

Der Fotograf schafft eine Ordnung durch die Wahl eines Blickwinkels, eines Ausschnittes und eines Aufnahmezeitpunktes, und er bestimmt eine Schärfeebene", so Stephen Shore.  Diese Sätze von Stephen Shore kommen mir immer wieder in den Sinn, wenn ich meine fotografische Arbeit auf  „einfache" Motive ausrichte. Etwas „einfach“ zu machen bedeutet letztlich, so viel wegzulassen, bis nichts mehr gestrichen werden kann, ohne dass die Aussage darunter leidet. „Nie ist zu wenig, was genügt", ist ein bekanntes Zitat von Seneca. Was ist wirklich wichtig? Worauf können wir verzichten? Die Herausforderung besteht darin, diesen Prozess bis zu dem Punkt zu führen, an dem genau das zum Ausdruck kommt, was ich mit meinen Bild sagen möchte. Einen Schritt weiter zu gehen, würde bedeuten, dass das, was ich ausdrücken möchte, nicht mehr erkennbar wäre.


 Eines meiner Ziele bei der Aufnahme ist natürlich das Motiv ganz klar in den Mittelpunkt zu stellen und gleich darauf zu achten, dass störende bzw. vom Motiv ablenkende Elemente gar nicht auf das Bild kommen. Vielerorts ist die Landschaft unstrukturiert. Im Vergleich zur Fotografie von Menschen oder auch Stillleben, wo man ja „umarrangieren" kann, lässt sich vieles in der Natur nicht ändern. Wie oft treffe ich auf störende Elemente, die mir die Ordnung und somit die Komposition meines Bildes erschweren. Ich versuche die Nachbearbeitung so kurz wie möglich zu halten. Hier sehe ich auch eine Gemeinsamkeit mit einem Maler. Wenn ich durch den Sucher meiner Kamera schaue, versuche ich manchmal ganz bewusst den Sucher wie die Leinwand eines Malers zu sehen und gleich auf Details zu achten, die ablenken, die stören. Das eigentliche Motiv mit dem Blick zu fixieren und durch den Wechsel des Aufnahmestandortes das Bild zu ordnen, zu strukturieren. Wie oft habe ich mich schon nachträglich geärgert, weil ich vor dem Auslösen zu nachlässig war, mir zu wenig Zeit gelassen habe und ich diese Struktur zu ungenau angelegt habe.
 
 Mit dem Medium der Fotografie „Ordnung im Bild" zu schaffen, ist nicht ganz einfach. Zum Beispiel schaffen Musiker und Maler etwas, das bei „Null" beginnt. In der Fotografie finden wir etwas vor und versuchen aus verschiedenen Blickwinkeln unser Bild zu komponieren. Wir üben uns oft in der Kunst des Weglassens. Wir bemühen uns eine Struktur zu schaffen. Das Herausfordernde und für mich dadurch Spannende an meiner Art der Landschaftsfotografie ist der ständige Versuch, diese Ordnung zu schaffen, weil ich gerade in diesem Genre einen minimalistischen Ansatz bei der Bildgestaltung anstrebe. 

  Zusammenfassend bin ich der Meinung, dass sich Ordnung in der Landschaftsfotografie am besten durch einen Wechsel der Perspektive oder des Bildausschnitts herstellen lässt. Umso wichtiger ist es, sich Zeit zu nehmen und die Umgebung des Motives zu erkunden, um den richtigen Aufnahmestandpunkt zu finden. Zum Beispiel kann sich eine Lichtsituation schon wenige Meter weiter verändert haben und ein Foto spannender machen. Bodennahe Aufnahmen des gleichen Motivs lassen es ganz anders aussehen, als aus Augen- oder Hüfthöhe und auch nur wenige Schritte links oder rechts lassen vielleicht störende Elemente verschwinden.
 
 
 Bilder „machen", nicht „schießen"

 So wie „Slow Travelling" bewusstes und langsames Reisen beschreibt, ist meine "Slow Photography" kurz zusammengefasst ein sehr bewusstes Fotografieren. Motive zu entdecken, nicht sofort abzudrücken und sich ganz auf sie einzulassen, ist mein Ziel mit meiner „Slow Photography“. Mein persönlicher Zugang ist Bilder zu „machen" und nicht zu „schießen".  Meine Leitsätze für meine fotografische Arbeit sind: 
 
 „Konzentration auf das Motiv". 
 „Das Mehr im Weniger im Fokus". 
 „Einfachheit als Weg zum Wesentlichen". 
 
  Betrachtet man die Synonyme zu „einfach", kommen einem vielleicht „anspruchslos", „gewöhnlich", „bedürfnislos", „langweilig"..., aber auch „schlicht", „bodenständig", „ursprünglich" und viele mehr in den Sinn.  Für mich bedeutet ein „einfaches" Foto, dass es „gemacht" worden ist. Ihm ist ein kreativer Prozess vorausgegangen, Zeit investiert und Überflüssiges weggelassen worden. Das Motiv steht für sich alleine und sticht so vielleicht aus der Masse der Bilder heraus. 

 Henri Cartier-Bresson hat einmal gesagt, dass ein gutes Foto ein Foto ist, auf das man länger als eine Sekunde schaut. Und das war noch zu einer Zeit, wo es noch nicht diese Bilderflut gegeben hat, die heute über die verschiedenen sozialen Kanäle auf uns einprasselt, wo ein einzelnes Bild hart kämpfen muss, damit wir es überhaupt noch wahrnehmen. Wenn die Augen der Betrachter meiner Bilder etwas länger verweilen, wenn die Bilder ihnen etwas erzählen und wenn sich darin das widerspiegelt, was ich ausdrücken wollte, dann habe ich mein Ziel mit meiner Fotografie erreicht.



 Bernd Grosseck, Juli 2024 (ergänzt und überarbeitet Mai 2026)